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Am nächsten Morgen haben wir gute Laune. Wenn wir es bis hierher geschafft haben, dann schaffen wir es auch bis Bourke. Denn dort geht die asphaltierte Straße los. Wir sind bester Hoffnung. 195 km sind es bis dorthin.
Und wieder gilt nur eines: Prinzip Hoffnung.
Die Piste ist katastrophal. Nicht schlimmer als vorher – aber auch nicht besser. Es ist unvorstellbar heiß, kein Schatten, die wenigen Bäume sind nur spärlich belaubt. Nach 50km erreichen wir eine Brücke, daran steht „Kulkyne Creek“. Der Back ist gerade außer Betrieb. Überraschung! Aber das bietet uns die Möglichkeit einer Mittagspause im Schatten. Diese Idee hatte auch jemand anderes: Unter der Brück steht eine Kuh und glotzt uns an.
Gesellschaft ist sie hier draußen nicht gewohnt, daher zottelt sie schnell von Dannen. Dummerweise hat die blöde Kuh unter der Brücke alles vollgeschissen – der einzige schattige Platz ist ein Misthaufen. Da sitzen wir lieber in der Sonne.
Die nächsten einhundert Kilometer bieten wenig Abwechslung, nur die Vegetation ändert sich, es wird langsam etwas grüner. Trocken, aber immerhin halb vertrocknete Bäume. Die Stimmung ist angespannt. Immerhin können wir hier Gas geben. Schöne ebene Sandpiste. Keine Steine. Wir brettern mit 80km/h durch den Wüstensand. Plötzlich sehen wir ein Auto, es steht am Straßenrand. Genauso so ein Auto, wie es die Einwohner von Tibooburra beschrieben hatten: Ein brauner Kombi… Wir schauen und bremsen ab….
BUMM!
Aber volles Rohr. Darum also steht das Auto am Straßenrand. Mit Totalschaden… Wir wissen genau warum, denn wir sind gerade mitten durch gebrettert: Eine von vorn nicht sichtbare, dafür umso tiefere scharfkantige Flutrinne. Einmal quer über die Straße. Wir trauen uns gar nicht, aus dem Wagen zu steigen. Wir haben nur ein Ersatzrad. Der Autobesitzer wurde schon von jemandem aufgelesen. Wie lange wird es wohl bei uns dauern? Wir steigen aus. Ob man wohl mehr Glück haben kann? Alle Reifen sehen gut aus, es läuft nichts aus. Wir setzen die Fahrt vor, ab und an halten wir, um zu schauen, ob die Räder tatsächlich noch ganz sind. Sie sind es. Bei Kilometer 160 sehen wir, was wir begehren: eine asphaltierte Straße. Das Zittern hat ein Ende. Wir haben es tatsächlich geschafft: Wir haben in einem Toyota Corolla die Strzelecki Desert durchquert – das soll uns erst mal einer nachmachen!
Wir überqueren den Darling River und fahren ins Stadtzentrum von Bourke. Australische Ikone. Vorreiter der Outbackstädtchen. Pilgerziel zahlloser Touristen. Wir sind schockiert. Bourke könnte trostloser nicht sein. Ein Supermerkt, eine stillgelegte Bahnstation.
Und abgründige Hässlichkeit. Jedes vorpommersche Kaff ist eine Perle dagegen, was machen die Leute hier? Warum fahren sie nach Bourke? Es wird uns ewig ein Rätsel sein. Bourke ist so hässlich, dass wir uns entscheiden, AUF GAR KEINEN FALL dort zu bleiben. Wir fahren einfach weiter, weiter Richtung Küste. Links auf den Kamilaroi Highway. Unser nächstes Ziel ist das nächste Städtchen in der Karte: Brewarrina, dort ist ein Campingplatz eingezeichnet. Und ein Fluss. Ein groooßer Fluss. Wir kommen an. Kulturschock des Tages Nummer Zwei. Brewarrina ist eine elende Ansammlung von Blechhütten, um genauer zu sein: Die Abstellkammer für ungewollte Aboriginals. Den Campingplatz finden wir nicht, und selbst wenn, sieht es im Ort aus, als wolle man definitiv nur hinter einer verschließbaren Tür schlafen wollen. Wir fahren weiter. Kurz hinter dem Ort überquert der Highway den Barwon River. Wir machen Halt. Der Fluss ist so groß wie die Elbe, und fließt in den Darling River. Ein Paradies. Einhundert Kilometer weiter wird davon nichts mehr übrig sein: Der Fluss wird vollständig auf die Baumwollfelder gepumpt. Im Namen der Wegwerfgesellschaft. Ab Bourke hat selbst der Darling so gut wie kein Wasser mehr. Wir genießen die Schatten im Schilf und setzten unsere Fahr fort. Unser nächstes Ziel laut Karte ist: Walgett. Dort sind Campingplätze und heiße Quellen eingezeichnet. Das klingt gut. Uns empfängt Kulturschock Nummer Drei. Walgett ist hässlich und trostlos, ein verarmtes Outbackstädtchen, verlassen von Gott und der Welt. Nicht mal der Campingplatz existiert noch. Geschweige denn die „Heißen Quellen und Spas“. Die Stimmung ist am Boden. Wir fahren nicht mehr weiter. Nein, nein, nein. Unsere Nerven liegen blank. Absolut blank. Es ist unerträglich heiß. Wir fahren zum örtlichen Spritti-Treff. Das ist der Bottle Shop, sprich der einzige Laden, der Alkohol verkaufen darf. Es gibt nicht einmal einen Gehsteig im Stadtzentrum von Walgett. Auch der Spritti-Treff hat nur einen Zugang: Die Autodurchfahrt. Stiege Bier im Drive-In. Das ist doch großartig! Genauso machen wir es auch. Der Angestellte ist ein jungscher Typ, nicht mal auf den Kopf gefallen. Er sagt uns, dass man am anderen Ende des Ortes, im Stadtpark, kostenfrei zelten darf. Etwas anderes gäbe es nicht. Nicht mal eine Pension. Mit unserem Sixpack XXXX (jaja, genau so heißt DAS australische Proleten-Bier!!) machen wir uns auf in den Park.
Tatsächlich. Ein einsamer Wohnwagen in einem einsamen, vertrockneten Park an einer schönen Autobahn. Na, hallo! Es gibt alles was man braucht: Eine verrottete Gedenktafel, ein Landwirtschaftsmaschinen-Denkmal, das gegen Vandalismus komplett eingezäunt ist, einen Klo-Verschlag mit Bremsspur-Alarm und den obligatorischen öffentlichen BBQ-Grill. Direkt daneben schlagen wir unser Zelt auf. Wir haben sogar Tisch und Bänke – und einen Wasserhahn! Frank beginnt, das Gemüse und Fleisch zu brutzeln. Jo, jetzt machen wir es uns schön! Endlich nicht im Auto, da können uns auch die Millionen Fliegen nicht stören – nein, jetzt, jetzt wird alles gut!!!
Da gibt es Radau hinterm Baum. Eine aufgescheuchte Menge Vögel wirbelt viel Staub auf. Wir schauen nach. Zwei Miner-Vögel kämpfen gegen eine angriffslustige Horde größerer Vögel. Der Grund ist simpel: Es ist angerichtet. Das Dinner soll heute Abend aus den zwei Miner-Küken bestehen, die am Boden zappeln. Ein brauner Vogel pickt immer wieder auf eines ein.
Scheiß Menschlichkeit. Scheiß Mitleid.
Wir verscheuchen die Menge und nehmen die Küken an uns. Halb nackend sind die. Scheiß Menschlichkeit. Scheiße, scheiße, scheiße. Die Küken bekommen mittels Klinex-Tüchern ein Nest in unserer Waschtasche. Piepsen tun die. Ununterbrochen. Mutti Miner sitzt am Rand des Vordachs unseres Tisches und kreischt lautstark. Was sollen wir denn machen, du dusslige Kuh? Nerv nicht. Das Nest liegt in unerreichbarer Höhe. Aber Mutti traut sich auch nicht an die Waschtasche. Es wird stiller. Ein Küken ist von uns gegangen. Irgendwo im Gebüsch freuen sich die Ameisen. Küken Nummer Zwei dagegen hält sich wacker. Wir versuchen es zu fütter. Aber es macht den Schnabel nicht auf. Irgendwas muss Mutti anders machen. Scheiße, wir sind schlechte Muttis. Schlechte Muttis auf der Durchreise. Diverse Insekten, vor den Schnabel gehalten, stoßen auf wenig Gegenliebe. Wir ändern die Taktik. Das Küken schreit immer dann, wenn Mutti auch kreischt. Das versuchen wir jetzt auch. 36 Versuche später können wir Mutti‘s Laut so gut imitieren, dass das Küken den Schnabel öffnet. Aha!
Ein Insekt nach dem anderen wandert in den roten Schlund. Ich perfektioniere den Fütterungsvorgang. Dann schläft das Küken ein. Vielleicht lebt es ja morgen noch.
Inzwischen ist Corinna’s Verzweiflung bezüglich ihrer Hygiene so groß, dass sie eine folgenschwere Entscheidung trifft: Eine umfangreiche Dusche. An dem in 60cm Höhe angebrachten Wasserhahn neben unserem Zelt. Am helllichten Tag, im Stadtpark, neben der Autobahn. Martin hält das Handtuch, um Madame Richtung Wohnwagen abzuschirmen, während Corinna, nackt wie Gott sie schuf, auf dem sumpfigen Untergrund ihren Körper einseift. Richtung Autobahn gibt es keinen Sichtschutz. Aber wen stört das schon? Haben die Jungs in dieser Einöde mal was zu gucken. Das Wasser spritz reichlich – und ich entschiede mich das auch gleich zu machen. Corinna jedenfalls sieht sehr, sehr glücklich aus.
Doch plötzlich kommt doch noch Leben in unsere räudige Bude: Ein Auto hält und drei Figuren entspringen. Bauen ein Zelt auf und sitzen einfach da. Versuche der Kontaktaufnahme scheitern kläglich. Was soll’s. Wir haben unseren besten Freund, Dr Alkohol, immer am Start. Dann kommt ein Wesen mit Zottelhaar auf uns zu. Es ist männlich und sieht echt mal fertig aus. Das Wesen fragt: Hättet ihr vielleicht Mückenspray? Haben wir, sogar das öko-mäßige. Und das BBQ können sie auch gleich haben. Wir seien fertig. Aber davon mag der Herr gar nichts wissen. Brubbelt „Danke“ und trottet von Dannen. Plötzlich kommen auch die anderen beiden Wesen auf uns zu. Sie sind gärtenschlank, haben lange Gewänder und schlohweißes Haar. Offensichtlich Mutter und Tochter. Mückenspray scheint dieser Tage gefragt. Es gibt Milliarden von Mücken, aber heute scheinen sie alle in Walgett zu sein. Die beiden Wesen setzen sich an den Tisch, wir stellen das Küken vor, und uns. Das wirkt. Die Wesen sind von der Erde, aus Norwegen und seien auf einem esoterischen Selbstfindungstrip. (Welcher Ort könnte da besser sein als der Stadtpark von Walgett?!) Die Tochter ist ca. 6 oder 7 Jahre alt, und erzählt uns von ihrem Problem mit den Läusen. Sehr ungünstig bei Haar, das bis zum Hintern reicht. Der Mann sei Aboriginal, aus der Nullaboor-Wüste (schon wieder diese Wüste!) und er sei mit der Mission unterwegs, sein Land wieder zu bekommen. Unterwegs haben sie sich zufällig getroffen. Und nun fahren sie mit einem alten Holden Kombi und jeder Menge gutem Karma durch‘s Land.
Inzwischen ist es stockfinster und eine Gestalt taucht im Schein unserer Kerze auf: Der Aboriginal-Mann. Er hat eine Gitarre dabei – und fängt an zu singen. Ein Abo mit Gitarre, zwei verlauste Norwegerinnen auf Selbstfindungskurs und drei Trullas mit einem völlig verdreckten Toyota Corolla sitzen zusammen am Tisch, im Stadtpark von Walgett. Irgendwie war dieser ganze Tag sehr merkwürdig.
Als die Drei sich verabschieden schlägt Martin‘s Stunde: Badespaß am öffentlichen Wasserhahn. Selbst diese Dusche ist großartig, vor allem nach einem Tag wie diesem. Gute Nacht!

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