Sonntag, 11. Juli 2010

Outbacktour 2009 - Tag 4

Tibooburra über Sturt Desert nach Wanaaring - 286 km.



Der nächste Morgen bot einen Sonnenaufgang, der genauso spektakulär war wie der Nachthimmel. Zunächst war die Wüste rot, dann orange und dann gleizend weiß, nur unterbrochen von den runden Felsbrocken, die wir bis dahin nur bei Tibooburra gesehen hatten.



Ein Müslifrühstück und Zwischenhalt beim betrunkenen Ranger später, wollten wir uns noch den Sturt National Park anschauen. Eine gigantische wasserlose Stein-Ebene, etwa so groß wie das Land Brandenburg.



Nach einer halben Stunde und ca. 12km stoppten wir dieses Vorhaben. Die Piste war gespickt von spitzen Steinen, wo das Auge hinschaute. Mitten drin ein einsamer Emu. Was der hier wohl frisst? Es gab nicht einmal Gras. Nur glutheiße schwarze Steine. Wir fuhren zurück. Unterwegs labten sich zwei Adler an einem toten Känguru. Die finden hier immer etwas, sie sind riesig, gut zwei Meter Flügelspanne. Wir kamen wieder im Ort an.

Im Tante-Emma-Laden konnte wir nicht nur die Kamera-Akkus gratis aufladen, nein es gab auch entzückende Postkarten und – zur großen Freude von Corinna – tatsächlich eine Sternenkarte der südlichen Hemisphäre! In Tibooburra, 150 Einwohner, irgendwo in der Wüste.



Bei einem Kaffee beratschlagten wir unser Vorhaben, über die MR405 nach Bourke zu fahren. Das ist eine Abkürzung, 399 km unasphaltierte Piste, die selbst in der Karte als „Piste“ ausgewiesen ist. Wir haben Zweifel. Und Bedenken. Extreme Bedenken. Bei den Anwohnern informieren wir uns über den Zustand der Straße, laut Touri-Info „nicht besonders gut, aber langsam und vorsichtig auch mit einem Stadt-PKW befahrbar“. Das sehen die Leute in Tibooburra auch so. Erst vor zwei Tage sei jemand mit einem normalen PKW nach Bourke aufgebrochen. Das lässt hoffen. Nach einem Abstecher ins örtliche Postamt (mit dem „ganz besonderen Poststempel“) biegen wir ab. An dem Schild steht „Waaring: 234km“. Das wollen wir in acht Stunden erreicht haben. Es ist der einzige Ort, der dort kommt.

Die Fahrt beginnt hoffnungsvoll. Die Piste ist sandig, aber gut befahrbar. Die Schlaglöcher lassen sich einfach umfahren. Doch das bleibt nicht so. Unsere Geschwindigkeit nimmt rapide ab. Zwischenzeitlich liegt sie bei 5km/h. Immer mehr und immer spitzere und größere Steinbocken liegen auf der Piste. Die Nerven liegen blank. Zwischendurch kommen immer wieder sandige Anschnitte, auf denen wir schnell und gut voran kommen; aber dann kommen wieder Steine, Steine, und noch mehr Steine. Mehrmals kratzt es bedenklich an der Ölwanne. Nach zwei Stunden erreichen wir die 2km breite Schwemmebene des Bullo River, der hier einfach in der Wüste versickert. Da müssen wir nun durch, eine Brücke gibt es freilich nicht. Die Ebene ist glatt und sandig. Schilfartiges Gewächs zwängt sich durch den gelben Staub. Mit Schwung überwinden wir die Uferkante auf der anderen Seite. Links und rechts der Piste zeigen alle zig Kilometer mal Schilder mitten in die Wüste: Irgendwo hinter dem Horizont liegt eine Farm. Ich frage mich, was die da machen?



Sandexport scheint mir die logischste Erklärung. Davon gibt es hier mehr, als die gesamte Menschheit je verbrauchen könnte. Die Piste wird nun für 180 km schnurgerade aus führen. Wir folgen der Linie mit Angstschweiß. Es bleibt uns nur eines: Das Prinzip Hoffnung. Wir brauchen eine Pause, dringend. An dem einzigen Busch weit und breit machen wir Halt. Die Temperaturen sind unvorstellbar. Wir haben Angst um die Reifen. Luft muss da raus. Der Busch hat so spärliches Blätterwerk, dass es keinen Schatten spendet; auch scheint die Sonne von oben. Wir haben für diesen Fall vorgesorgt: Unsere Regenschirme bieten eine perfekten Schutz.



Drei Typen, mitten in der Wüste, die Regenschirme aufgespannt. Wir lachen uns schlapp. Doch das ist optimal! Halb zerlaufene Muesli-Riegel und Puller-warmes Wasser bilden unser Mittagessen. Das schmeckt gar nicht so schlecht. Schon gar nicht hier draußen. Unsere Laune steigt wieder. Gerade haben wir unsere Fahr fort gesetzt, überholt uns hier tatsächlich eine Jeep! Hier! Das Auto bremst ab, verlangsamt die Geschwindigkeit. Eine Dame mit blonden schulterlangen Harren und weißem Top starrt aus dem Fenster. Ihr vollkommen fassungsloser Blick sagt alles: Drei irre Stadt-Tanten, zwei Schwuchteln und ihre Gabi! In einem Toyota Corolla!! Auf DIESER Straße!!!

Wir winken freundlich lächelnd zurück. Die Dame schaut noch fassungsloser. Und gibt Gas. Mit Ihrem Allrad-Antrieb heizt sie durch die Wüste und hüllt uns in eine Staubwolke. Wir sind wieder allein.

Die Landschaft ist so trocken, dass es nun nicht einmal mehr totes Gebüsch gibt. Nur noch Steine, es schaut aus, al wäre alles planiert worden. Wir müssen langsam fahren, auch die Straße besteht nur aus Steinen. Im Vorbeifahren bewundern wir einen einfallsreichen Bewohner dieser Ödnis. Hinter dem einzigen größeren Steinbrocken (ca. 20 cm hoch) duckt sich ein Kurawong in dessen winzigen Schattenwurf. Der einzige, soweit das Auge reicht.

Nach weiteren 1.5 Stunden wieder ein kleines Schauspiel: Jeep kommt von hinten angerast - bremst ab - Scheibe runter - fassungsloser Blick (diesmal ein bärtiger Typ mit schwarz-rot-kariertem Holzfällerhemd) - freundliches Winken – vollkommenes Entsetzen – Staubwolke – Einsamkeit. Die Straße wird immer schlimmer, wir fahren nur noch Schrittgeschwindigkeit und versuchen, den gewaltigen Schlaglöchern und fetten Steinbrocken auszuweichen. Wahrschlichen haben wir dadurch 20km extra auf dem Tacho.
Noch rund 30km bis Wanaaring – und die Straße wird besser. Sand. Wir lieben Sand! Sand heißt: Schnelles Fahren. Keine Steine. Endlich SAND! Dann taucht vor uns das auf, was nur bedingt erfreulich ist: eine große Karawane Emus. An diesem Anschnitt der Strecke spannt sich ein Stacheldrahtzaun entlang. Die Emus rennen an ihm entlang. Das ist gefährlich: Entweder rennen sie vor das Auto oder sie verenden elendig im Stacheldrahtzaun. Emus sind sehr gefährlich, wenn wir einen rammen und nicht weiterfahren können, können wir auch nicht aussteigen: Ihre Krallen sind scharf wie Rasierklingen. Wir wären nicht ihre ersten Opfer. Wir fahren so weit rechts wie möglich, Schrittgeschwindigkeit. Die Emus geraten in Panik. Corinna filmt das Schauspiel aus dem Auto:


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Wir erreichen die Herde. Die Vögel werden immer panischer, rasen, einer überschlägt sich, manche machen Anstalten, in unsere Richtung zu laufen, andere springen gegen den Zaun. Wir sind mitten in der Herde. Frank gibt Vollgas, wir lassen die Emus hinter uns. Sie hören auf zu rennen, alle haben unbeschadet überlebt. Wir auch. Kurz darauf kommt eine Brücke. Darauf steht „Paroo Billabong“.

Wahnsinn. Hier, mitten im Sand ein Paradies: ein riesige Wasserloch, Vögel, Bäume, alles grünt. Dahinter ein Ortschild. Wanaaring. Wir sind da. Wir haben es geschafft.
Der Zeltplatz ist nicht schön, aber schattig. Hier gibt es Bäume im Überfluss. Und Wasser, soviel, dass man es verschwenden kann. 100m weiter fließt der Paroo River – durch einen 50m breiten Urwald, der sich mitten durch die Wüste schlängelt. Bis hierher hat er schon 400km hinter sich. In weiteren 200km wird er einfach im Wüstensand versickern. Nur alle paar Jahrzehnte, wie vor kurzem bei der gewaltigen Flut in Queensland, schafft der Fluss die restlichen 1.200 km, um über den Darling ins Meer zu münden. In Australien gelten eben andere Maßstäbe.
Warum ich das so ausführlich schreibe? Ganz einfach: Wenn man seit 772 Kilometern nur Sand und Steine gesehen hat, und keine Tropfen Wasser, dann ist das ein Wunder. Ein richtiges Wunder. Grüne Bäume und tausende Vögel. Und ein richtig großer Fluss. Mitten im Sand.

Das Wasser ist grau, doch Kinder baden darin. Frank und ich ziehen die Klamotten aus und springen ins Wasser. Die Strömung ist gewaltig. Jede Menge Wasser. Corinna zieht es derweil vor, unter eine richtige Dusche zu gehen. Das holen wir 20min später dann nach.



Wir bauen das Zelt auf, direkt daneben steht ein Kängurus und grast. Aus seinem Beutel schaut ein Baby. Es lässt sich überhaupt nicht stören. Wir gehen noch einmal in die Dorfkneipe. Eine Kneipe für 96 Einwohner. An einem bestimmten Tag, einmal im Jahr, treffen sich alle Familienangehörigen und ehemaligen Bewohner des Kaffs, um hier auf Wanaaring und irgendeine berühmte Oma anzustoßen. Und dieser Tag ist heute.
Die Leute sind kostümiert und natürlich betrunken. Das passt uns, denn etwas anderes als die Seele baumeln lassen und sich betrinken kann man hier eh nicht machen. Tot-überm-Zaun-hängen ginge auch noch, aber das passt nicht in unsere Planungen. Wir mischen uns unter Partyvolk. Das Victoria Bitter schmeckt und ist kalt. Besser geht‘s also nicht.

Zu später Stunde erledigen wir noch die Wäsche. Und eine Extra-dusche, denn in Wanaaring, da geht das Wasser niemals aus. Und da sehen wir es wieder, das typisch australische Wunder des Lebens: Weit und breit nur Sand, doch da wo Wasser Fließt, uns sei es nur ein Klokasten, da gibt es Frösche. Auch hinter dem Spiegel der Zeltplatz-Dusche. Ein Korallenfingerfrosch. Wir fangen ihn, er springt aus Martin‘s Hand auf Corinna‘s Schulter. Glücklicher Weise hat sie kein Problem damit – der Frosch allerdings schon. Als wir versuchen, ihn herunter zu nehmen, spritzt der doofe Frosch einen fetten Schwall Glibber aus allen Poren – und über Corinna’s frisch gewaschenes Shirt.



Das Biest wird wieder hinter den Spiegel entlassen. Und wir gehen schlafen (nachdem wir festgestellt haben, dass „Alberto’s Instant Pasta alla Carbonara“, von Aldi für 1.99 die Tüte, einfach nur Ekel erregend schmeckt).

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