Broken Hill über Silverton, Packsaddle und Milparinka nach Tibooburra - 412 km..jpg)
Der Morgen startete mit einem Sonnenaufgang, wie er eben nur in Australien möglich ist: Rot, roter, über rotem Sand mit einer riesigen Sonne. Großartig – dafür steht man doch gern um 5 Uhr auf!
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Es galt umplanen – unser Zwischenziel, die Sturt Desert konnten wir auch von Broken Hill aus erreichen; über den Highway 79 - ganz romantisch "Silver City Highway" genannt. Natürlich hatte Martin sich über den Zustand aller Straßen (und Alternativstrecken!) dieser Reise bereits vorab bei Nationalparks, Touri-Infos und Internetforen informiert. In Australien eine UNABDINGBARE Vorsichtsmaßnahme. Der Silver City Highway sei demnach „teilweise unasphaltiert“, jedoch in „sehr gutem Zustand“ und auch „problemlos mit einem Stadtauto befahrbar“. Ganz klar ist das in Australien nicht, denn eine Autobahn kann hier auch eine tausende Kilometer lange Wüstenpiste sein. Doch auch die Straßenkarte ließ uns bester Stimmung sein. Und das, obwohl der Highway mitten durch die Strzelecki Desert führt, als einzige Verkehrsader überhaupt. Nach einem Abstecher in das Geisterstädtchen Silverton, wo wir Corinna panorama-technisch auf das vorbeireiten wollten, was da kommt, fuhren wir los. Die Autobahn war in hervorragendem Zustand – wir waren begeistert! – bis sie plötzlich am Flussbett des Stephens Creek endete… Hinter dem ausgetrockneten Flussbett, ohne Brücke, sahen wir es: Eine schier endlose Sandlinie, eingerahmt von noch mehr Sand. Und Sand. Und endlos viel Sand. Tief durchatmen. Augen zu. Und durch!
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Ja,
DAS ▲ ist wirklich der Highway 79!!
Wir rollten, gezwungener Maßen, gemütlich über Sand und Steine, durch eine Landschaft, die man gesehen haben muss, um sie zu begreifen: Da ist einfach Nichts. Nichts als menschenleere Ödnis. Kein Baum, kein Gras, keine Telefonmasten, keine Häuser. Nicht einmal ein Geräusch. Keines. Gar keins. Nur Stille, ein absolut flaches Niemandsland, roter Sand und ein atemberaubend blauer Himmel.
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Von Zeit zu Zeit wurde die Sandlinie grau, alle paar Kilometer gab es einen wenige hundert Meter langen Asphaltstreifen – an den Stellen, wo alle paar Jahre einmal ein gigantischer Fluss quer durch die Wüste donnert – und alles mit sich reißt, was sich ihm in den Weg stellt. Inklusive Autobahnen. Die Spuren dieses seltenen Wassersegens sind unübersehbar: Mitten durch die Sandödnis gibt es lange, fast gerade Linien, auf denen dicht an dicht halbtote Bäume wachsen. Sie warten dort manchmal für Jahre, dass in der 5cm tiefen und 20m breiten Rinne Wasser fließt. Es sieht absolut skurril aus.
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Nach 176km erreichen wir Packsaddle, ein Haus, genau zwischen Broken Hill und Tibooburra. Dort bekommt man gratis einen Kaffee, kann notfalls tanken und es gibt ein warmes Essen. Das wichtigste aber: Es gibt Schatten! Die Außentemperaturen sind unvorstellbar. So sehr, dass man sogar IM Restaurant rauchen darf. Wir sind auch die einzigen Gäste.
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Bis auf einen Typen, der sich im Gästezimmer eingemietet hat (und nicht sprechen möchte). Packsaddle hat eine einzige Bewohnerin, um die 30, weiblich, füllig und fröhlich. Letzteres ist erstaunlich, denn sie ist hier ganz allein. Wir fragen sie nach dem Zustand des Highways Richtung Tibooburra. Mit hochgezogenen Brauen zeigt sie mit dem Finger nach Norden. „In dieser Richtung war ich noch nie.“ Wir versuchen unser Entsetzen zu kaschieren. Das ist nicht weiter verwunderlich: Der Highway führt nach Norden, Richtung Darwin. Bis dahin sind es fast 3.000 km. Und es gibt nur 4 Ortschaften zwischendurch.
Nach einem Burger und mehrfachen Beratschlagungen entscheiden wir uns, die Reise auf der Sandpiste fortzusetzen. Die Dame vom Grill meinte, sie habe schon normale PKW „in diese Richtung“ fahren sehen. Wir rollen also wieder los. Nach 48km und fast einer Stunde erreichen wir die Kreuzung mit dem Opal Miners Way – hier wären wir rausgekommen, wenn wir über White Cliffs gefahren wären. Ein Blick auf die katastrophale Schlagloch-Piste mitten im Sand lässt uns aufatmen, dass wir einen Platten hatten…
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Nach weiteren 76km und dem Antreffen einer Ziegenherde, die sich ausschließlich von Sand und Steinen ernährt (es gibt Beweisfotos), erreichen wir den Abzweig nach Milparika. Tibooburra ist noch 40km entfernt. Das heißt mindestens noch eine Stunde fahren. Wir entscheiden uns, dass die zwei Kilometer Umweg gerechtfertigt sind. Vielleicht gibt es dort Schatten.
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Milparika liegt hinter dem ausgetrockneten (und Brücken-losen) Flussbett des Mount Brown Creek. Der Ort besteht aus einer Tanksäule und 5 Häusern: eines ist bewohnt von zwei Seelen, die vier anderen Häuser sind Ruinen, in einer genießt ein Känguru den einzigen Schatten weit und breit. Milparika hat zwei Straßen, Sandpisten, diese heißen Loftus Street und Cemetery Road.
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An der Cemetery Street liegt, wie der Name schon verrät, der Friedhof. Er hat drei Gräber, eingefasst von verrosteten historischen Gitterchen, die Gräber sind Steinhaufen, mitten in der Wüste. Wir drehen sofort wieder um. Die Straße ist dermaßen schlecht, dass sich eine Weiterfahrt schon allein deshalb nicht lohnt.
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Ein Schild mahnt uns, dass wir hier maximal 100km/h fahren dürfen. Wir schaffen nicht mal ein Fünftel davon.
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Unsere Laune ist zwar nicht schlecht, dazu ist die Landschaft zu spektakulär. Aber wir wissen auch, was uns nach Packsaddle und Milparika und alle den anderen Outbackkäffern erwartet: Nämlich Trostlosigkeit. Unsere Nerven liegen ziemlich blank. Wenigstens die letzten 15km bis in den Ort sind asphaltiert. Wir rasen mit Vollgas ins Städtchen, 150 Einwohner, wie das Ortschild verrät.
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Und werden überrascht: Zwar ist dies noch schlimmer als ein Gott verlassenes Kaff (und liegt tatsächlich in Nirgendwo), aber: Es ist total hübsch! Kleine alte renovierte Häuschen reihen sich entlang der Dorfstraße. Alles sieht gepflegt aus. Hier gibt es auch ein paar Bäume, riesige Bäume. Es ist der schönste Outbackort, den wir bis dahin gesehen haben. Sogar eine echte urige Kneipe gibt es, total schön eingerichtet, jedes Sydneyer Etablissement könnte sich davon eine Scheibe abschneiden. Vor der Kneipe, dem „Family Hotel“ sitzen ein paar Einwohner im Schatten des Vordachs. Die Hitze ist unvorstellbar. Aber das wichtigste von allem: Es gibt Bier. EISKALTES Bier. Amtshandlung Nummer Eins: Bier her! Am Tresen gibt es die nächste Überraschung. Hier bekommt man für vier Dollars pro Kopf ein Handtuch, Duschgel und den Schlüssel zu einem pikobello-gepflegten Bad mit Dusche. Strom und Fön und Pflegemittel sind kostenlos. Amtshandlung Nummer Zwei: Dusche!!!!!!
Ich glaube, da war die schönste Dusche, die ein jeder von uns bis dahin jemals hatte!
Amtshandlungen Nummer Drei bis Fünf waren weitere eiskalte Biere und ein Schnack mit der Dorfbevölkerung. Eine Dame, sie arbeitet für den Nationalpark, ist sogar von Mildura / Victoria hierher gezogen. Hierher! Nach Tibooburra, wo der nächste Supermarkt in Broken Hill liegt. 412km pro Richtung (das Ortschild irrt!). Auf der Terrasse sitzt auch ein alter Mann, der nicht viel sagt, aber viel lacht. Später erfahren wir im Internet, dass er die Dorfgröße ist, den Namen habe ich schon wieder vergessen; ist nachzulesen auf www.tibooburra.com.au.
Die Dame vom Nationalpark (sie ist sehr korpulent, trägt gestreifte Leggins, ein sehr große pinkes Shirt und lange blonde Haare), sagt uns, dass wir nun los müssten. Fragezeichen. In 12 Minuten würde die Sonne untergehen, erklärt sie. Wir müssen schnell auf den „Sunset Hill“, dem einzigen Hügel weit und breit. Es seien nur zwei Kilometer, dann ein kurzer Fußweg, wir könnten es noch schaffen. Wir entscheiden uns etwas widerwillig, das zu machen, schon wieder Auto fahren. Aber es ist ja um die Ecke. Kurz hinter dem Ort steht mitten im Sand ein Schild, das wiederum mitten in den Sand zeigt – und zum Sunset Hill. Bewaffnet mit unseren unerschöpflichen Vorräten an 4-Liter-Karton-Wein und drei Plastikbechern folgen wir dem Pfad. Hinter uns versinkt gerade die Sonne.
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Als wir auf der Spitze des Hügels ankommen, erwartet uns ein Panorama, welches sich nicht beschreiben lässt. Es war einer der bewegensten Momente meines Lebens. Um uns herum war Nichts. Einfach Nichts. Absolute Stille – nur der warme Wind fegte uns um die Ohren. Und die Sonne versank in einem orangen Feuerwerk. Irgendwo hinter der waagerechten Sandlinie hinter Tibooburra. Irgendwo dort, wo die Welt tatsächlich zu Ende ist.
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Zurück im Ort, es war bereits stockfinster und die Augen mehrerer Kängurus funkelten im Licht unseres Scheinwerfers, hielten wir am Haus der Rangers für das Aboriginal-Land. Dort sollte es einen Campingplatz geben. Ein ziemlich betrunkener Herr, schmächtig, optisch 60 Jahre alt, öffnete die Tür. Gegen 20 Dollar gab er uns einen Schlüssel und eine Wegbeschreibung mit auf den Weg: Kurz vor der Tanke links, dem Weg folgen, über das Bachbett, dann gleich dahinter an der Kreuzung rechts, die nächste links bis zum Tor. Wir reden hier von flacher Wüste. Flacher Wüste mit flachen Sandwegen. In totaler Dunkelheit. Kein Licht, gar keines. Wir fanden das Tor. Dahinter lag, auch in endloses Schwarz gehüllt, der Campingplatz. Wir konnten nichts sehen und bauten im Kegel der Auto-Scheinwerfer das Zelt auf.
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Irgendwo weiter hinten schien eine Art Unterstand zu sein. Wir tasteten uns vor. Dort standen Tische und Bänke, unser Gaskocher bereitet unser Abendessen und natürlich versüßte uns der 4-Liter-Karton diese Nacht. Der Sternenhimmel ist unglaublich. Es ist dermaßen finster dort draußen, dass man die unterschiedlichen Farben der Sterne erkennen kann. Mit bloßem Auge. Da sind weiße und gelbe und blau und rote. Milliarden von Ihnen.
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Nach mehrfachen Erklärungsversuchen, dass auf der Südhalbkugel alles Kopf steht, konnten wir uns schließlich darauf einigen, dass sich Orion in Australien IMMER in Norden befindet :) Unsere Kamera hat das Sternbild Orion aufgenommen – in einem Farbspektakel, das Europa so niemals sehen wird.
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Gute Nacht!