Mittwoch, 10. Juni 2009

Australia-Tour - Teil 06.

Killarney Beach über Little Dessert nach Natimuk Lake. 315 km.



Meine arme Mutter sieht abermals aus wie ein Luftballon. Wir finden heraus, dass meiner Mutter die Klima-Anlage des Autos gegen ihre Allergie hilft und fahren gut gekühlt durch eine endlose Ödnis. Trockenheit wohin man schaut, nur verdörrte Weiden. Es gibt keinen Fluss, keinen Bach, es gibt gar nichts. Die Abstände zwischen den „Orten“ werden immer gewaltiger. In Straßenkarten verzeichnete „Orte“ sind in Australien auch [bzw. überwiegend] nur 1 [!] Farmhaus oder 1 Tankstelle. Die Straßen gehen über ewige Kilometer nur geradeaus. Man glaubt gar nicht, wie schnurgerade so eine Straße sein kann... Und vor allem: über welche Distanzen… Wir sind ganz allein, fahren 123km/h… und werden von der Polizei gestoppt, mitten im Nirgendwo. 1km/h schneller und der Führerschein wäre weg. Wir werden darüber aufgeklärt, dass im Bundesstaat Victoria beim dritten Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit der Führerschein endgültig entzogen wird, eine Strafe von 2.000 Dollars anfällt sowie das Auto beschlagnahmt und zu Gunsten des Staates versteigt wird [ERNSTHAFT!]. Wir schleichen mit 100km/h durch die schnurgerade und menschenleere Steppe und erreichen Penshurst. Dort gibt es 15 Häuser und das entzückendste Café der Welt. Das ist nicht ironisch gemeint. Drei Flamingos wackeln auf der Dorfstraße mit dem Hintern. Über Hamilton geht es zum „spektakulären“ Wannon Waterfall. Es ist atemberaubend: Das Wasser tröpfelt mit 2 Litern pro Stunde über glutheiße Felsen. Es hat hier seit 2 Jahren nicht mehr geregnet. Und genauso sieht es auch aus. Immer weiter geht die Fahrt, immer nur geradeaus durch Steppe, eine ganze Stunde Nichts. Wir erreichen Harrow, ein weiteres Gott verlassenes Nest im Niemandsland, wo wir an den Ufern des (eigentlich dort fließen sollenden) Glenelg River Rast machen und Papptoast mit Käse und Marmelade essen. Leider hat sich der Deckel des Honigs gelöst und der Inhalt des Glases großzügig durch den Kofferraum ergossen… Nachdem Frank etwas eine Stunde geschlafen hat [bei 36 Grad], besichtigen wir das ehemaligen Dorfgefängnis, einen 4mx4m kleinen Verschlag. Es ist 14 Uhr, und vor der Dorfkneipe [in Australien Bar, Imbiss, Post, Bank und Lottoladen in einem] hat sich die gesamte Bewohnerschaft versammelt - ca. 50 Leute - und ist sternhagelvoll. Auch die eindeutig unter 18-Jährigen. Ein grandioses Schauspiel. Immer weiter nur geradeaus. Die Straßen haben keine Kurven mehr. Wir erreichen die Little Dessert. Aufgrund der extremen Außentemperaturen entscheiden wir uns zur Umkehr – zu „einem der beliebtesten und wichtigsten Wassersport-Gebiete Australiens“ – Lake Natimuk. Vorbei am Mitre-Felsen, Salzseen und nicht enden wollender Trockenheit. Die Landschaft ist überzogen von Millionen weißer Mittelmeer-Schnecken, sie sind überall. Vor dem glühenden Boden sind sie auf die Spitzen des vertrockneten Grases geflohen. Nach einer weiteren Stunde nichts als Steppe erreichen wir Natimuk. 150 Einwohner, eine Milchbar, sonst nichts. Wir fahren zum Campingplatz am See. Der Natimuk Lake ist einer der beliebtesten Wassersportgebiete Australiens. Endlich Baden! Wir biegen um die Ecke. Und es gibt tatsächlich alles: eine Seebrücke, Wasserski-Anlagen, Stege, Bootsanlegestellen, Strand, Barbecues, Sonne. Es ist alles da! Alles - nur kein Wasser. Der See ist verschwunden, heute ist dort eine Wüste. Glühender Sand, bis zum Horizont. Wir sind die einzigen Gäste, außer einem alten Herrn, der im Schatten eines Baumes in einem Wohnwagen lebt. Für den Rest seiner Tage. Wir sind total geschockt, völlig am Ende, die Hitze ist unerträglich. Kurz: Die Stimmung ist am Tiefpunkt… Wir entscheiden uns zu bleiben. Unter einem Hain aus Pfefferbäumen, die herrlich durften, bauen wir das Zelt auf, von der Milchbar im Ort holen wir uns den Schlüssel für die Sanitäranlagen ab. Alles blitzt wie nagelneu, weil seit Jahren nicht benutzt. Aber das Beste ist: Die Duschen funktionieren. Alle paar Wochen wird der Ort von einem Wasser-Tanker versorgt. Duschen! Nie zuvor habe ich Duschen als ein solches Gefühl des Glücks empfunden. Zwischendurch muss ich noch eine Handteller-große Monster-Tekla aus dem Waschbecken fischen, schließlich ist meine Mutter hochmotiviert, die Wäsche von Hand zu waschen. Die Spinne landet im Eukalyptus-Gestrüpp; der Ekel vor einem Zermatschen ist größer als das Fangen mit einer Plastiktüte. Meine Mutter hat es sich derweil zwischen Sand und Dornenbusch gemütlich gemacht. Ihre mühsam gewaschenen BHs baumeln auf der Leine. Zehn Minuten später entdecken wir die Waschmaschinen… Von der Seebrücke aus bewundern wir den grandiosen Sonnenuntergang, der in pink über den staubigen Weiten leuchtet. Mit dem Tiefkühlgemüse aus der Milchbar bereiten wir ein vegetarisches Barbecue zu. Über uns breitet sich eine sternenklare Nacht aus, wie ich sie noch nie gesehen habe. Papageien, Eulen und Grillen veranstalten unser ganz privates Nachtkonzert. Es ist wundervoll. In 13 Tagen werden Natimuk und Horsham Rural City aufhören zu existieren.


Sonnenuntergang in Natimuk

Wüste des Natimuk Lake

Seebrücke in den (ehemaligen) Natimuk Lake

Little Dessert - alles sehr rot

Wackelarsch-Flamingos in Penshurst

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