Mittwoch, 10. Juni 2009

Australia-Tour - Teil 01.

Sydney über Canberra nach Tumut. 393 km.



Ödnis, wohin man schaut. Im gewaltigen Lake George, einer der größten Seen Australiens, wollen wir uns abkühlen. Leider ist der See eine vertrocknete Kuhweide. Von einheimischen erfahren wir, dass er sich nur alle 60 bis 100 Jahre mit Wasser füllt… dafür leben wir wohl nicht mehr lange genug. Wir fahren durch Canberra, Hauptstadt Australiens. Genauer gesagt, fahren wir DURCH – ohne es zu merken: die Stadt ist eigentlich ein Park und alles ist gut hinter Bäumen versteckt, welche die riesigen Monster-Straßen säumen. Ab und an gibt es zwischen riesigen Rasenflächen einen 08/15-Klotz, der wohl ein Ministerium darstellen soll; wo die [angeblich] 300.000 Einwohner leben, erschließt sich uns nicht. In der Tourist-info zeigt mit die Frau vom Tresen mit gefingerten Anführeungszeichen und spitzen Ton, wo die [Zitat] „City, hö, hö“ sei… Die drei Hauptattraktionen Canberras [das spricht man übrigens „Kännbra“ aus] sind folgende: Ein Bach, der zu einem lorkigen See mit Fontäne angestaut wurde sowie die gewaltigsten und unübersichtlichsten Kreisverkehre, die je ein Mensch geschaffen hat. Nachdem wir uns mehrmals in der Parkanlage verfahren haben, erreichen wir Attraktion Nummer Drei: Das Parlaments-Gebäude der großartigsten aller Nationen. Es stellt sich die Frage, was das für ein Land ist, dass nicht nur eine dermaßen hässliche Hauptstadt hat, sondern auch noch ein Parlament, das in einem Erdhügel steckt, und zwar inmitten eines gigantomanischen Autobahn-Kreisverkehrs… Und das ist KEIN Witz! Nach den üblichen Fotos geht die Fahrt weiter, 600 Meter vom Parlarment entfernt grasen bereits wieder die ersten Kühe. Auch das ist KEIN Witz. Wir erreichen die wundervollen Hügel von Brindabella. Dort baden in einem glasklaren Fluss und erholen uns von der Hitze. Es ist grandios! Wir wollen die schöne Gegend weiter erkunden und begeben uns auf die kurvige Bergstraße.
„Da ist eins!“
In einem Gebüsch entdeckt meine Mutter das erste Känguru. Foto, Glück und Weiterfahrt. Wenig später erreichen wir Tumut, gefühlte 20 Einwohner, aber ein Supermarkt, der ganz Göttingen versorgen könnte. Immerhin klappt unser erster Zeltaufbau semi-gut, wir campieren direkt am rauschenden Fluss. Zwei Possums interessieren sich brennend für unsere Cracker. Es geht uns wunderbar. Wir sind glücklich, diese Landschaft gesehen zu haben. In etwas mehr zwei Wochen wird das Tal von Brindabella die Hölle auf Erden sein.


Das Possum mag Cracker

Tal von Brindabella

Das Parlament im Erdhügel im Autobahn-Kreisverkehr

"Stadt"plan Canberra

Lake George als gigantische Kuhweide

Australia-Tour - Teil 02.

Tumut über Murray River Valley nach Murrundindi. 536 km.



Morgens werden wir vom Geschrei von zweihundert Gala-Gala-Papageien geweckt. Man stelle sich vor, neben einem Flugzeug-Triebwerk zu stehen. Nur in höherer Tonlage. Wir bereiten uns Kaffee, essen Papp-Toast und fahren dann los, weiter durch das weite Land. In Tumbarumba [Mega Monster City] trinken wir im „Bären-Café“ ein Heißgetränk. Meine Mutter vergaß, ihre Schlüpfer einzupacken – so begeben wir uns in das örtliche Modefachgeschäft. Leider sind die Australier überdurchschnittlich übergewichtig… so finden wir nur Damenwäsche der Größe Dreimannzelt. Meine Mutter ahnt Schlimmes… Die Landschaft wird trocken. Dann noch trockener. Und dann ganz trocken. Wir erreichen den Murray River, den wichtigsten Trinkwasserfluss Australiens… Die Landschaft wird, abgesehen vom riesigen Strom, nochmals trockener. Am Nachmittag steigen die Temperaturen auf 44°C… Im Schatten! Unter einem der wenigen Bäume [die aufgrund ihres recht spärlichen Blätterwerks kaum Schatten spenden] machen wir eine Pause, denn dort gibt es den einzigen Zugang zum Fluss. Am Ufer stören wir einen Aboriginal beim Bad und ziehen uns galant wieder in die Glutsonne zurück. Sehr viele Windungen und Siedlungen im Nirgendwo später erreichen wir die Grenze zum Bundesstaat Victoria - und damit die „Fruchtfliegengrenze“, über welche man keinerlei Obst und Gemüse schmuggeln darf. In einem Gott verlassen Nest halten wir – und zum ersten Mal in Australien machen wir Shopping bei… „ALDI“. Viele verwunderte Blicke auf die Karte und lange Kilometer über sandige Pisten später erreichen wir den Murrundini-Nationalpark. Plumpsklo und keine Dusche, Baden ist im eiskalten Bach angesagt. Und ich meine EISkalt! Dafür gibt es Kängurus und Echidnas [den atomaren Schnabeligel].


Fürstliches Dinner in Murrundindi

Die eiskalte "Dusche" - der Murrundindi River

Schnabeligel (Echidna)

Beginn der "Fruchfliegen-freien Zone"

Endlose Weiten, bei Chiltern

Das "Bären Café" in Tumbarumba

Australia-Tour - Teil 03.

Murrundindi über Melbourne zur Mornington Peninsula [Bucht und Strände von Melbourne]. 219 km.



Endlose schnurgerade Straßen. Dem Goulburn River wird für Melbournes Golfplätze (in der Wüste) das Wasser abgegraben. Stopp in Seymor City, wo die Hauptattraktion die den Ort durchziehende Autobahn ist. Aber immerhin gibt es einen Supermarkt, den wir sogar nach endlosem Irren durch die Einbahnstraßen finden. Zwei Wochen später wird diese Stadt nicht mehr existieren. Es folgt ein Besuch des Kunstmuseums Yerra Glenn, leider hat es geschlossen]. Auch diese Stadt soll 2 Wochen später komplett niederbrennen. Mittlerweile sieht das Auto durch den allgegenwärtigen Staub (und Milliarden von Fliegen) aus wie Sau. Wir durchfahren Melbourne, das tatsächlich ausschaut wie eine richtige Stadt: große Häuser, breite Baum gesäumte Straßen. Es sieht sehr europäisch aus. Wir entscheiden uns, auf dem Rückweg länger zu bleiben und fahren erst mal weiter durch ein 120 km langes Konglomerat an Einfamilienhäusern. Ganz im süden Melbournes, zwischen Ozean und Port Phillip Bay erreichen wir Rosebud, wo Melbourne‘s schönste Strände liegen. Natürlich ist es Sommer… in einem Land der Camper… Der einzige freie Platz für unser Zelt liegt sehr verkehrsgünstig 2 Meter vom Highway entfernt. Die Strände sind atemberaubend. Überall stehen kleine, kunterbunte Strand-Hüttchen, es hat tatsächlich einen Hauch von Karibik. Später erfahren wir, dass so ein Holz-Hüttchen, maximal 8m², kein Fenster, kein Strom, kein Wasser, eben nur eine Art Abstellraum für den Strandtag, 105.000 Dollars wert ist… Und reißenden Absatz findet. Aber am wichtigsten: Das Wasser ist warm! Wir machen einen Ausflug an die Steilküsten des Ozeans. Das ist noch atemberaubender. Umweht vom Sturm über dem Polar kalten Meer bewundern wir den Fels in Form eines Elefantenkopfs. Zurück am Zeltplatz bekommen wir Hunger, und schon wird es dunkel. Nachts wird es eiskalt [gut, dass wir nur T-Shirts dabei haben], wir bereiten mit unserem „Gas-Kumpel“ [so heißen Gaskocher auf australisch] „Alfredos Fertig-Pasta“ zu. Köstlich… Meine Mutter zieht sich alles an, was sie finden kann. Wir betrinken uns mit Bier und Wein aus den Karton vor einer Strandhütte… und sehen dabei aus wie Penner… [Diese Fotos werdet ihr NICHT sehen.]


Mornignton Peninsula National Park - Ozean-Seite

Mornignton Peninsula National Park - Ozean-Seite

Rosebud Beach - Bucht von Melbourne

Rosebud Beach - Bucht von Melbourne

Australia-Tour - Teil 04.

Mornington Penisula über Sorento/Fähre, nach Beauchamp Falls. 168 km.



Am nächsten Morgen müssen wir feststellen, dass meine Mutter extrem allergisch gegen australische Pollen ist. Die Arme sieht aus wie ein Luftballon, daher decken wir uns mit Medikamenten ein. Da die Fahrt um die Bucht zu lange dauern würde, entscheiden wir uns für die Fähre und zuckeln beschaulich quer über die Bucht. Nachdem wir die Suburbs von Geelong hinter uns gelassen haben, fahren wir auf die Great Ocean Road und erreichen wir Lorne (1 Strand, 20 Häuser, 50 tote Kängurus), wo meine Mutter einen neuen Anlauf zum Unterwäsche-Shopping startet… Leider sind auch hier alle Menschen sehr… hyperadipös… und dementsprechend fällt auch die Schlüpfermode aus. Und zwar ausschließlich. Nachdem Frank und ich meine verzweifelte Mutter in einem der 6 örtlichen Geschäfte wiedergefunden haben, fahren wir zum des Erskine Waterfall, der tatsächlich sehr schön ist. Nun wird auch die Landschaft saftiger. Regenwald. Die Küste ist spektakulär. Und Frank sichtet den ersten Koala. Wir können unser Glück kaum fassen. Zwei Kurven später sehen wir weitere 200 Koalas. Sie sind einfach überall. Gemeines Zeug eben. Es ist unvorstellbar heiß, daher machen wir einen Abstecher durch den Otway National Park. Regenwald wohin man schaut. Es ist wundervoll! Wir erreichen in der abgelegensten Ecke die Beauchamp Wasserfälle. Trotzdem sind wir nicht allein. Neben zwei Pärchen, die sich ein romantisches Wochenende zu zweit im Wald ausgemalt hatten, gibt es ein Plumpsklo, keine Dusche und jede Menge Riesen-Insekten. Der eiskalte Bach zum Baden donnert unerreichbar in einer 30m tiefen Schlucht. Die Temperaturen fallen unaufhörlich und erreichen 5°C. FÜNF! Wir sammeln im Wald Feuerholz, zwischen Giftschlangen und Monster-Teklas. Und wir bekommen das Feuer an! Halleluja! In dieser Nacht können meine Mutter und ich vor Kälte kaum schlafen. Wir zittern am ganzen Körper... Frieren ist ein Alptraum.


Die Otway-Raubschnecke

Lagerfeuer Beauchamp Falls - im Regenwald bei 5 Grad...

Sieht man ja...

Schlucht des Erskine Waterfalls, Otway National Park

Australia-Tour - Teil 05.

Beauchamp Falls über 12 Apostel nach Killarney Beach. 168 km.



Am nächsten Morgen, wir sehen alle ziemlich bescheiden aus, besichtigen wir die Wasserfälle und finden die Otway-Raubschnecke! Drei Exemplare landen in einer Tüte mit Laub und ziehen um nach Sydney. Wir fahren zurück auf der Great Ocean Road zu den Klippen „12 Apostel“ - riesige Felsen, die mitten im Meer stehen. Die Küste schlägt alles, was wir bis dahin gesehen haben. Leider können auch die besten Fotos das nicht wiedergeben. Kurz darauf erreichen wir die Bucht der Märtyrer. Das ist noch besser. Atemberaubende Aussichten und einsame Strände, an denen ganz Berlin ein freies Plätzchen finden würde. Weiter geht es über Warnambool nach Killarney Beach. Ein trunkener Platzwart teilt uns ein Plätzchen zu. Hinter den Dünen erwartet uns der Pazifik. Er brandet mit großen Wellen an den Strand. Und niemand ist da. Doch das Beste erspähen wir kurze Zeit später: Es gibt Waschmaschinen! Kostenlos! Nachdem wir heraus gefunden haben, wie man die Urviecher anwirft und alles gut durchgewalkt wurde, trocknet meine Mutter ihre BHs gut sichtbar auf dem Busch neben dem Zelt. Doch es wir noch besser: Es gibt richtige Duschen! Mit WARMEN Wasser! Und alles total sauber. Es ist extrem heiß und wir verdösen den Tag. Stunden später, am endlosen Strand, fällt die Temperatur auf 9°C. Daher betrinken wir uns wieder einmal mit dem Wein aus dem Vier-Liter-Karton [australischer Standard]. Killarney Beach ist wunderschön. In zwei Wochen wird die gesamte Gegend durch ein verheerendes Feuer von den Landkarten verschwinden.


Great Ocean Road - Bucht der Märthyrer

Great Ocean Road - Bucht der Wächter

Great Ocean Road - Heidelandschaft/Millionen von Blüten

Great Ocean Road - The Arch

Great Ocean Road - Die 12 Apostel

Australia-Tour - Teil 06.

Killarney Beach über Little Dessert nach Natimuk Lake. 315 km.



Meine arme Mutter sieht abermals aus wie ein Luftballon. Wir finden heraus, dass meiner Mutter die Klima-Anlage des Autos gegen ihre Allergie hilft und fahren gut gekühlt durch eine endlose Ödnis. Trockenheit wohin man schaut, nur verdörrte Weiden. Es gibt keinen Fluss, keinen Bach, es gibt gar nichts. Die Abstände zwischen den „Orten“ werden immer gewaltiger. In Straßenkarten verzeichnete „Orte“ sind in Australien auch [bzw. überwiegend] nur 1 [!] Farmhaus oder 1 Tankstelle. Die Straßen gehen über ewige Kilometer nur geradeaus. Man glaubt gar nicht, wie schnurgerade so eine Straße sein kann... Und vor allem: über welche Distanzen… Wir sind ganz allein, fahren 123km/h… und werden von der Polizei gestoppt, mitten im Nirgendwo. 1km/h schneller und der Führerschein wäre weg. Wir werden darüber aufgeklärt, dass im Bundesstaat Victoria beim dritten Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit der Führerschein endgültig entzogen wird, eine Strafe von 2.000 Dollars anfällt sowie das Auto beschlagnahmt und zu Gunsten des Staates versteigt wird [ERNSTHAFT!]. Wir schleichen mit 100km/h durch die schnurgerade und menschenleere Steppe und erreichen Penshurst. Dort gibt es 15 Häuser und das entzückendste Café der Welt. Das ist nicht ironisch gemeint. Drei Flamingos wackeln auf der Dorfstraße mit dem Hintern. Über Hamilton geht es zum „spektakulären“ Wannon Waterfall. Es ist atemberaubend: Das Wasser tröpfelt mit 2 Litern pro Stunde über glutheiße Felsen. Es hat hier seit 2 Jahren nicht mehr geregnet. Und genauso sieht es auch aus. Immer weiter geht die Fahrt, immer nur geradeaus durch Steppe, eine ganze Stunde Nichts. Wir erreichen Harrow, ein weiteres Gott verlassenes Nest im Niemandsland, wo wir an den Ufern des (eigentlich dort fließen sollenden) Glenelg River Rast machen und Papptoast mit Käse und Marmelade essen. Leider hat sich der Deckel des Honigs gelöst und der Inhalt des Glases großzügig durch den Kofferraum ergossen… Nachdem Frank etwas eine Stunde geschlafen hat [bei 36 Grad], besichtigen wir das ehemaligen Dorfgefängnis, einen 4mx4m kleinen Verschlag. Es ist 14 Uhr, und vor der Dorfkneipe [in Australien Bar, Imbiss, Post, Bank und Lottoladen in einem] hat sich die gesamte Bewohnerschaft versammelt - ca. 50 Leute - und ist sternhagelvoll. Auch die eindeutig unter 18-Jährigen. Ein grandioses Schauspiel. Immer weiter nur geradeaus. Die Straßen haben keine Kurven mehr. Wir erreichen die Little Dessert. Aufgrund der extremen Außentemperaturen entscheiden wir uns zur Umkehr – zu „einem der beliebtesten und wichtigsten Wassersport-Gebiete Australiens“ – Lake Natimuk. Vorbei am Mitre-Felsen, Salzseen und nicht enden wollender Trockenheit. Die Landschaft ist überzogen von Millionen weißer Mittelmeer-Schnecken, sie sind überall. Vor dem glühenden Boden sind sie auf die Spitzen des vertrockneten Grases geflohen. Nach einer weiteren Stunde nichts als Steppe erreichen wir Natimuk. 150 Einwohner, eine Milchbar, sonst nichts. Wir fahren zum Campingplatz am See. Der Natimuk Lake ist einer der beliebtesten Wassersportgebiete Australiens. Endlich Baden! Wir biegen um die Ecke. Und es gibt tatsächlich alles: eine Seebrücke, Wasserski-Anlagen, Stege, Bootsanlegestellen, Strand, Barbecues, Sonne. Es ist alles da! Alles - nur kein Wasser. Der See ist verschwunden, heute ist dort eine Wüste. Glühender Sand, bis zum Horizont. Wir sind die einzigen Gäste, außer einem alten Herrn, der im Schatten eines Baumes in einem Wohnwagen lebt. Für den Rest seiner Tage. Wir sind total geschockt, völlig am Ende, die Hitze ist unerträglich. Kurz: Die Stimmung ist am Tiefpunkt… Wir entscheiden uns zu bleiben. Unter einem Hain aus Pfefferbäumen, die herrlich durften, bauen wir das Zelt auf, von der Milchbar im Ort holen wir uns den Schlüssel für die Sanitäranlagen ab. Alles blitzt wie nagelneu, weil seit Jahren nicht benutzt. Aber das Beste ist: Die Duschen funktionieren. Alle paar Wochen wird der Ort von einem Wasser-Tanker versorgt. Duschen! Nie zuvor habe ich Duschen als ein solches Gefühl des Glücks empfunden. Zwischendurch muss ich noch eine Handteller-große Monster-Tekla aus dem Waschbecken fischen, schließlich ist meine Mutter hochmotiviert, die Wäsche von Hand zu waschen. Die Spinne landet im Eukalyptus-Gestrüpp; der Ekel vor einem Zermatschen ist größer als das Fangen mit einer Plastiktüte. Meine Mutter hat es sich derweil zwischen Sand und Dornenbusch gemütlich gemacht. Ihre mühsam gewaschenen BHs baumeln auf der Leine. Zehn Minuten später entdecken wir die Waschmaschinen… Von der Seebrücke aus bewundern wir den grandiosen Sonnenuntergang, der in pink über den staubigen Weiten leuchtet. Mit dem Tiefkühlgemüse aus der Milchbar bereiten wir ein vegetarisches Barbecue zu. Über uns breitet sich eine sternenklare Nacht aus, wie ich sie noch nie gesehen habe. Papageien, Eulen und Grillen veranstalten unser ganz privates Nachtkonzert. Es ist wundervoll. In 13 Tagen werden Natimuk und Horsham Rural City aufhören zu existieren.


Sonnenuntergang in Natimuk

Wüste des Natimuk Lake

Seebrücke in den (ehemaligen) Natimuk Lake

Little Dessert - alles sehr rot

Wackelarsch-Flamingos in Penshurst

Australia-Tour - Teil 07.

Natimuk Lake über die Grampians zum Lerderderg Nationalpark. 324 km.



Wieder endlose schnurgerade Straßen. Ungeahnt werfen wir ein letztes Mal einen Blick auf Horsham. Die vertrockneten Graslandschaften ziehen sich bis zum Horizont, die Fahrt ist öde. „Ein Emu!“ brülle ich und Frank macht eine Vollbremsung. Daraufhin entwickelt sich zwischen meiner Mutter und mir folgendes Gespräch:

„Wo?“
„Na da!“
„Wo denn?“
„Na, da steht er doch!“
„Ich seh nischt! Wo soll der denn sein?“
„Muddi! Der Emu ist der 2 Meter große Monster-Vogel, der direkt neben Deinem Fenster steht!“
„Ach hier!“

Doch neben Spaß brauchen wir auch Wasser, dringend! Daher fahren wir ins [wie immer] Ungewisse und machen einen Abstecher in die Grampians, einer Bergkette, die sich wie ein riesiger Monolith mitten aus der Steppe erhebt. Und tatsächlich: Wald! Wald ohne Ende. Und Wasserfälle! Große Wasserfälle. Wir fragen uns, wo hier, mitten in der Wüste, plötzlich soviel Wasser herkommt. Und vor allem: Wo es bleibt? Auf einem Parkplatz füttern wir eine merkwürdige Vogel-Familie: Macpie [mit Jungen] und als Adoptiv-Vater ein Kurawong. Es folgt eine sehr heiße Klettertour zu den McKenzie-Fällen und durch den Grand Canyon. Es ist wunderschön. In Halls Gap, 30 Einwohner und 50 tote Kühe, speisen wir fürstlich in der örtlichen Döner-Bude. Ich gebe Post auf. Der Brief nach Berlin ist 6 Tage später da. Auf den nach Sydney warten wir bis heute. Über den Western Highway fahren wir schnurgeradeaus zum Lerderderg Nationalpark, westlich von Melbourne. Bis nach Bacchus March und dann links… Der Campingplatz ist geschlossen. Die Stimmung sinkt. Wir versuchen verzweifelt, den alternativen zu finden, denn es wird dunkel. Versteckt hinter einer staubigen Piste quer durch die steilen Berge finden wir ihn. Am Fuße einer wunderschönen Schlucht, direkt am Lerderderg River, in dessen Fluten man baden kann. Das Problem daran: der Fluss ist gerade außer Betrieb. Im letzten Tümpel, der noch steht, leben neben einer Entenfamilie auch 20 Milliarden Moskitos. Es gibt nicht nur keinen Fluss – nein, nein – es gibt auch keine Duschen und im Plumpsklo geben sich Monster-Teklas und atomare Bremsspuren ein Stell-Dich-Ein. Darum betrinken wir uns mit einem frisch erworbenen Vier-Liter-Karton Rotwein. Der Abend wird wunderbar!


Lerderderg River - lecker Dinner zwischen Millionen von Moskitos

The Grampians - Berg-Kamm

The Grampians - Grand Canyon

The Grampians - McKenzie Falls

Weites Land mit jeder Menge Kängurus

Australia-Tour - Teil 08.

Lerderderg Nationalpark über Melbourne nach Molesworth. 215 km.



Wir wollen trotz nicht vorhandenen Flusses die 300m tiefe Schlucht des Lerderderg River bestaunen und biegen nach einer Irrfahrt durch die Berge rechts ab. Es ist 10:38 morgens als wir das Auto verlassen. Uns trifft der Schlag - denn es sind 43°C. Wir lassen das mit dem Bestaunen. Über den Highway Nummer 8 immer gen Osten. Willkommen in Melbourne! In einer Sozialsiedlung bekommen wir einen kostenfreien Parkplatz und zuckeln weiter mit der Straßenbahn in die City. Merkwürdige Stadt. Alles zusammengewürfelt, ein bisschen hübsch und meist ziemlich heruntergekommen. Aber nett. Wir schlendern durch die Kunstgalerien am krumm-und-schiefen Federation Square, verspeisen Sushi in Downtown und spielen Tourist. Draußen herrschen 37°C - es ist unvorstellbar. Ab zum Hafen, dem neuen „In-Viertel“. Neben dem Wasser empfängt uns eine betonierte Ödnis. Gleich neben einer sechsspurigen Straße. Zeitgenössische Stadtplanung von Feinsten. Uns wird klar, dass wir lieber in Sydney wohnen [wer hätte das gedacht!?!]. Und das trotz Straßenbahn. Im alternativen Stadtteil Fitzroy bewundern wir überlebensgroße Matrjoschkas, Plattenbauten und Western-Häuschen mit großen Plastik-Blumen dran. Das Beste jedoch: wir erstehen neue Schuhe [ich liebe Schuhe!]. Denn die Schuhe, die wir tragen, sehen genauso aus wie Schuhe, die man in der Wüste getragen hat. Meine Mutter kauft sich ein Ballerina-Kleid, welches sofort zum neuen Lieblingskleidungsstück erhoben wird. Und weil sie dadurch so gut drauf ist, fotografiert sie schamlos einen Hirschen [=geilen Typen] und freut sich wie ein Kind. Mit der Tram rattern wir zurück in unser Sozialviertel. Es ist schon Abend, wir wollen weiter. Und verfahren uns auf dem Autobahn-Gewirr. Kurz hinter Coburg [!], das zwischen Heidelberg [!] und Carlsruhe [!] liegt, finden wir die richtige Abfahrt. Wieder beginnt die Ödnis. Wir wollen zum Campingplatz der Plenty-Schlucht, der alles bietet, was das Herz begehrt. Und als hätte es der Leser geahnt: Mit einem Ballerina-Kleidchen kommt man nicht auf den Campingplatz! Nun gut, es liegt daran, dass das Tor schlicht verschlossen ist. Und bleibt. Um uns herum ist nichts. Ein älterer italienischer Herr empfiehlt uns, in die „große Stadt“ Whittlesea zu fahren, immer gerade aus. Doch auch dort ist nichts. Nicht mal ein Hotel. Die Straße gabelt sich Y-förmig, wir entscheiden uns für links. Über der Steppe versink die Sonne in grandiosen Farben. Hinter einem vertrockneten Hügel eine Pension. Ein Haus, fünft Hunde, ein Typ im Holzfällerhemd. Ausgebucht. Mitten im Nirgendwo. Wir fahren zurück zum Y und fahren nach rechts. Am Goulbourne River liegt unser nächstes Ziel. Inzwischen ist die Nacht hereingebrochen, die Straße nimmt kein Ende. Es kommt kein Ort. Nichts. Wir fahren sehr langsam, denn im Lichtkegel unseres Scheinwerfers überquert allerlei merkwürdiges Getier die nächtliche Straße. Links und rechts stehen Kängurus und glotzen uns an.
||||||||||||||| B U M M |||||||||||||||
Da ist es passiert. Das muss man sich mal vorstellen > Martin Püschel aus Torgelow hat ein Känguru überfahren.
Wir schauen uns schockiert an, trauen uns gar nicht aus dem Wagen, weil wir ein Gemetzel vermuten. Wir steigen aus. Da liegt ein großes graues Känguru. Es liegt einfach da. Und steht auf! Das Känguru humpelt zum Straßenrand und schaut uns an, einfach an. Das Auto hat Totalschaden. Wir können nicht weiter. Neben einer Riesendelle hat sich die Radkappen-Auskleidung in der Vorderachse verhakt. Wir bekommen sie nicht heraus. Auf einer menschenleeren Straße, fernab der Zivilisation. Großartig! Doch weil man mehr Glück als drei Deppen in Australien gar nicht haben kann: Ein Auto. Sie können uns nicht helfen, warten aber, bis tatsächlich noch ein Auto vorbeikommt. Der Typ hat passendes Werkzeug dabei. Wir schlachten die Auskleidung aus ihrer Verankerung. Ein vorsichtiges Anwerfen des Motors später wird klar: die Karre fährt noch, also schleichen wir noch langsamer als vorher durch die Nacht. Mit über 100km/h überholen uns weitere Autos. Sie haben massive Stahlstangen am Kühler. Wir wissen jetzt, warum. Endlich erreichen wir Yea, ein kleines Städtchen mit historischen Häusern. Wenig später kommen wir im Vorort Molesworth, dem Campingplatz an. Sie haben das Tor aufgelassen für uns, denn wir hatten angerufen. Es gibt perfekte Duschen, warmes Wasser, im Hintergrund rauscht der Goulbourne River. Wir kochen noch einen Kaffee, die Zikaden zirpen. Eine Nacht kann kaum schöner sein. In wenigen Tagen werden Yea und Molesworth im Feuersturm verbrennen.


Sonnenuntergang bei "Y", nahe Whittlesea

Melbourne-Fitzroy / Brunswick Street

Downtown Melbourne / Flinders Street Station

Melbourne / im Kunstmuseum Federation Square

Lerderderg River - Baden verboten... bei 43 Grad...

Australia-Tour - Teil 09.

Molesworth über Hume Stausee nach Khancoban/Snowy Mountains. 371km.



Ich stehe gerade unter der Dusche, da vernehme ich ein lautes „Klack“. Als ich nach unten schaue, sehe ich den zuckenden Körper einer Schlange. Ihr Maul schnappt mit den Zähnen in die Luft, obwohl ihr Körper in zwei Hälften geteilt ist. Jemand fragt, ob alles in Ordnung sei, aber ich kann gerade gar nichts sagen. Unter der Kabinentür erscheint eine überdimensionale Heckenschere und zerrt den Rest der Schlange nach draußen. 30 Sekunden später gehe ich hinaus. Der Platzwart steht mit einem Grinsen und der noch immer zuschnappenden Schlange vor mir. „Hab gesehen, wie die rein gekrochen ist. Da hab ich die Schere geholt und bin gleich hinterher. Glück gehabt, was? Ist eine Tiger Snake, die mag’s feucht. Überall hier, die Biester. Stehen unter Schutz. Wir dürfen sie eigentlich nicht töten – aber sie töten uns. Bis ins Krankenhaus hättest Du‘s von hier nicht mehr geschafft.“
Ich sage noch immer nichts.
Seine Frau kommt dazu und ergänzt: „Herrjeh, ist das da Euer Auto? War wohl kein Wombat*, was!? Dann wärt ihr mit dem kleinen Auto wohl tot.“
Ich finde nicht nur, dass wir ein großes Auto haben, sondern bin auch begeistert von der einfühlsamen Art der Molesworth’schen Platzwarte. Ja, das ist genau das, was ich noch vor der ersten Zigarette gebraucht habe. Inzwischen ist meine Mutter an den Duschen eingetroffen und schaut sich mit mir die zuckende Schlange an. Armes Ding.
[* Wer übrigens nicht weiß, was ein Wombat ist: Es sieht aus wie eine Mischung aus Meerschweinchen und Biber, ist sehr haarig, hat einem riesigen Hintern, ist etwa halb so groß wie ein Hausschwein und lebt in Erdlöchern. Außerdem sind Wombats sehr, sehr schwer und laufen gern Lichtkegeln entgegen…]
Nach dem ersten Verdauen setzen wir unsere Fahrt fort. Merton, Euroa, Benella, Wangaratta -alles eine Provinzsoße. Alles an der Autobahn. Bei „Emma’s Take Away, einem einsamen quietschgelben Bus-Imbus machen wir Halt und wundern uns, was der Verkäufer hier, mitten im Nirgendwo, macht. Da wir den schnurgeraden Asphalt nicht mehr ertragen können, biegen wir auf eine Landstraße ab. Hier gibt es sogar Kurven, die Gegend wird schöner, Bäume in staubigen Weiten, alte Golgräber-Städtchen wie aus dem Bilderbuch. Schließlich erreichen wir Wodonga, einer Stadt, die dermaßen kitschig gestaltet ist, dass Disneyland vor Neid verblassen würde! Auf der anderen Seite des Murray River liegt nicht nur Albury, sondern auch New South Wales. „Unser“ Bundesstaat, mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Diesmal fahren wir entlang des Südufers des Hume-Stausees, Richtung Tarragatta, von wo aus man einen grandiosen Blick auf den See hat. Auf weiteren 82 Kilometern durch das Murray Valley durchfahren wir folgende Ort: Bullioh at Tangaratta Creek, Koetong, Shelley und Berringama. Kein Ort hat mehr als zwei Häuser. Schließlich lassen wir das Ortsschild von Curryong hinter uns, „Hauptstadt der Snowy Mountains“ und stolz auf das Lied vom „Mann vom Snowy River“. Das ist auch alles, was es zu dieser Hauptstadt zu sagen gibt. Wir erkunden das Städtchen. Verlaufen kann man sich nicht, er gibt nur eine Straße, ein Kaufhaus, das seit den 50ern geschlossen und unverändert aussieht und die „Man from the Snowy River Shopping Arcade“. Die hat vier Geschäfte… Der einzige Imbiss bietet natürlich eine kulinarischen Hochgenuss nach dem nächsten: Fish and Chips mit brauner Kotze, Fish and Chips mit gelblicher Kotze und Fish and Chips pur, versalzen. Da der Höhepunkt der Ortes, die Klima-Anlage des Imbisses, an der ein kleiner Plastik-Hai-Kopf befestigt ist, schnell fotografiert wurde, setzen wir unsere Fahrt weiter fort. Wenig später kommen wir wieder am Murray River an, am Oberlauf, wo er noch ein klarer, großer Strom ist. Auf der anderen Seite wartet New South Wales, was von Franks Seite mit einem Bad im Fluss gefeiert wird. Als meine Mutter gerade nicht schaut, fahren wir einfach los, bis hinter die nächste Kurve [ja, hier gibt es wieder Kurven!!!]. Nach 10 Minuten schauen wir mal nach, ob meine Mutter unsere Abwesenheit schon bemerkt hat. Hat sie. Die erwartet uns am Brückengeländer. Und bricht in einen Lachflash aus, der ewig dauert. Schließlich haben wir die Türen verschlossen und gemeint, es wird schon ein Auto vorbeikommen.
Trotzdem setzten wir zu dritt die Fahrt fort, kurz darauf kommen wir an, in Khancoban, unserem Zeltplatz. Es ist wunderschön, um uns herum die Berge, vor uns der See, und alle Annehmlichkeiten, die der Mensch sich wünscht. Sogar eine original 40er Jahre Shell-Tankstelle und eine Kneipe von den Ausmaßen eines Supermarktes – für einen Ort mit 84 Einwohnern. Wir bestellen Bier und bekommen ein Essen, das tatsächlich richtig gut schmeckt. Vielleicht sind wir nach über einer Woche Fahrt auch nicht mehr wählerisch. Es dauert auch nicht lang, bis sich die Dorfjugend zu uns an den Tisch setzt [Australien eben]. Zwei Dorfprolls, wie man sie erlebt haben muss. Am interessantesten waren ihre Ansichten zu Schwulen [Dorfprolls = ahnungslos zwei Stadt-Schwestern gegenüber sitzend] und die Anmachversuche des 23-jährigen Kevin meiner Mutter gegenüber… Dann gehen wir schlafen…


Khancoban/Snowy Mountains, Shell-Tankstelle

Die "Stadt des Manns vom Snowy River"... Curryon in Weinachtsstimmung, 32 Grad

Meine Mutter im Einsatz gegen Giftspinnnen

"Emmas Take Away"

Camping-Idylle in Molesworth