Molesworth über Hume Stausee nach Khancoban/Snowy Mountains. 371km. .jpg)
Ich stehe gerade unter der Dusche, da vernehme ich ein lautes „Klack“. Als ich nach unten schaue, sehe ich den zuckenden Körper einer Schlange. Ihr Maul schnappt mit den Zähnen in die Luft, obwohl ihr Körper in zwei Hälften geteilt ist. Jemand fragt, ob alles in Ordnung sei, aber ich kann gerade gar nichts sagen. Unter der Kabinentür erscheint eine überdimensionale Heckenschere und zerrt den Rest der Schlange nach draußen. 30 Sekunden später gehe ich hinaus. Der Platzwart steht mit einem Grinsen und der noch immer zuschnappenden Schlange vor mir. „Hab gesehen, wie die rein gekrochen ist. Da hab ich die Schere geholt und bin gleich hinterher. Glück gehabt, was? Ist eine Tiger Snake, die mag’s feucht. Überall hier, die Biester. Stehen unter Schutz. Wir dürfen sie eigentlich nicht töten – aber sie töten uns. Bis ins Krankenhaus hättest Du‘s von hier nicht mehr geschafft.“
Ich sage noch immer nichts.
Seine Frau kommt dazu und ergänzt: „Herrjeh, ist das da Euer Auto? War wohl kein Wombat*, was!? Dann wärt ihr mit dem kleinen Auto wohl tot.“
Ich finde nicht nur, dass wir ein großes Auto haben, sondern bin auch begeistert von der einfühlsamen Art der Molesworth’schen Platzwarte. Ja, das ist genau das, was ich noch vor der ersten Zigarette gebraucht habe. Inzwischen ist meine Mutter an den Duschen eingetroffen und schaut sich mit mir die zuckende Schlange an. Armes Ding.
[* Wer übrigens nicht weiß, was ein Wombat ist: Es sieht aus wie eine Mischung aus Meerschweinchen und Biber, ist sehr haarig, hat einem riesigen Hintern, ist etwa halb so groß wie ein Hausschwein und lebt in Erdlöchern. Außerdem sind Wombats sehr, sehr schwer und laufen gern Lichtkegeln entgegen…]
Nach dem ersten Verdauen setzen wir unsere Fahrt fort. Merton, Euroa, Benella, Wangaratta -alles eine Provinzsoße. Alles an der Autobahn. Bei „Emma’s Take Away, einem einsamen quietschgelben Bus-Imbus machen wir Halt und wundern uns, was der Verkäufer hier, mitten im Nirgendwo, macht. Da wir den schnurgeraden Asphalt nicht mehr ertragen können, biegen wir auf eine Landstraße ab. Hier gibt es sogar Kurven, die Gegend wird schöner, Bäume in staubigen Weiten, alte Golgräber-Städtchen wie aus dem Bilderbuch. Schließlich erreichen wir Wodonga, einer Stadt, die dermaßen kitschig gestaltet ist, dass Disneyland vor Neid verblassen würde! Auf der anderen Seite des Murray River liegt nicht nur Albury, sondern auch New South Wales. „Unser“ Bundesstaat, mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Diesmal fahren wir entlang des Südufers des Hume-Stausees, Richtung Tarragatta, von wo aus man einen grandiosen Blick auf den See hat. Auf weiteren 82 Kilometern durch das Murray Valley durchfahren wir folgende Ort: Bullioh at Tangaratta Creek, Koetong, Shelley und Berringama. Kein Ort hat mehr als zwei Häuser. Schließlich lassen wir das Ortsschild von Curryong hinter uns, „Hauptstadt der Snowy Mountains“ und stolz auf das Lied vom „Mann vom Snowy River“. Das ist auch alles, was es zu dieser Hauptstadt zu sagen gibt. Wir erkunden das Städtchen. Verlaufen kann man sich nicht, er gibt nur eine Straße, ein Kaufhaus, das seit den 50ern geschlossen und unverändert aussieht und die „Man from the Snowy River Shopping Arcade“. Die hat vier Geschäfte… Der einzige Imbiss bietet natürlich eine kulinarischen Hochgenuss nach dem nächsten: Fish and Chips mit brauner Kotze, Fish and Chips mit gelblicher Kotze und Fish and Chips pur, versalzen. Da der Höhepunkt der Ortes, die Klima-Anlage des Imbisses, an der ein kleiner Plastik-Hai-Kopf befestigt ist, schnell fotografiert wurde, setzen wir unsere Fahrt weiter fort. Wenig später kommen wir wieder am Murray River an, am Oberlauf, wo er noch ein klarer, großer Strom ist. Auf der anderen Seite wartet New South Wales, was von Franks Seite mit einem Bad im Fluss gefeiert wird. Als meine Mutter gerade nicht schaut, fahren wir einfach los, bis hinter die nächste Kurve [ja, hier gibt es wieder Kurven!!!]. Nach 10 Minuten schauen wir mal nach, ob meine Mutter unsere Abwesenheit schon bemerkt hat. Hat sie. Die erwartet uns am Brückengeländer. Und bricht in einen Lachflash aus, der ewig dauert. Schließlich haben wir die Türen verschlossen und gemeint, es wird schon ein Auto vorbeikommen.
Trotzdem setzten wir zu dritt die Fahrt fort, kurz darauf kommen wir an, in Khancoban, unserem Zeltplatz. Es ist wunderschön, um uns herum die Berge, vor uns der See, und alle Annehmlichkeiten, die der Mensch sich wünscht. Sogar eine original 40er Jahre Shell-Tankstelle und eine Kneipe von den Ausmaßen eines Supermarktes – für einen Ort mit 84 Einwohnern. Wir bestellen Bier und bekommen ein Essen, das tatsächlich richtig gut schmeckt. Vielleicht sind wir nach über einer Woche Fahrt auch nicht mehr wählerisch. Es dauert auch nicht lang, bis sich die Dorfjugend zu uns an den Tisch setzt [Australien eben]. Zwei Dorfprolls, wie man sie erlebt haben muss. Am interessantesten waren ihre Ansichten zu Schwulen [Dorfprolls = ahnungslos zwei Stadt-Schwestern gegenüber sitzend] und die Anmachversuche des 23-jährigen Kevin meiner Mutter gegenüber… Dann gehen wir schlafen…
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Khancoban/Snowy Mountains, Shell-Tankstelle
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Die "Stadt des Manns vom Snowy River"... Curryon in Weinachtsstimmung, 32 Grad
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Meine Mutter im Einsatz gegen Giftspinnnen
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"Emmas Take Away"
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Camping-Idylle in Molesworth