Samstag, 28. März 2009

Huldigung [?]

Ich sitze am Tisch und schaue aus dem Fenster. Es ist kurz nach sechs. Auf der Südhalbkugel zieht der Herbst ein – und bereits jetzt ist es stockfinster. Draußen vor dem Fenster fliegen die Flughunde vor der glitzernden Skyline vorbei. Und es ist wunderschön. Ich erwische mich mit einer Träne im Auge. Dann zwei. Dann immer mehr. Und dann schwirren Gedanken in meinem Kopf herum. Nämlich, dass hier, in Sydney, natürlich alles besser ist. Dass Berlin ein dreckiges lautes Gebilde aus Depression und den unfreundlichsten Busfahrern der Welt ist. Berlin ist eine dämliche Rotzstadt, in der es keine vernünftigen Jobs gibt. Und in der ich immer unterbezahlt war. Eine richtige Scheißstadt. Eine beschissene Traumstadt. Eine, die meine Liebe gar nicht verdient hat. Weil sie scheiße ist. Weil der Winter zwischen ihren architektonischen Hässlichkeiten kaum zu ertragen ist. Schlichtweg scheiße. So richtig scheiße. Überall liegt Müll herum. Und Berlin hat die zwei hässlichsten Stadtzentren Europas. Und nun auch noch die hässlichste aller amerikanischen Botschaften. Direkt neben seinem National-Monument, dem eigentlich weiß zu streichenden Brandenburger Tor. Und es hat das Alexa. Einen rosaroten Schweinehintern. Mitten in der City. Monumentaler durfte bisher kein Investor das Zentrum einer Hauptstadt verschandeln. Und Berlin hat die muffligen Berliner, die das Ding auch noch gut finden! Berlin ist echt mal scheiße. Im Frühjahr erfüllt der zarte Duft auftauender Hundekacke die Luft. Herrlich. Flatsch. Schon klebt die nächste Tretmine am Hacken. Sag ich doch, Berlin ist scheiße.

Photobucket Tolle Wurst!

Berlin ist toll. Ich liebe Berlin. Weil es so dreckig ist. Nein, es ist wie ein räudiger Haufen Hundekacke. Ein toller Haufen Hundekacke. Dreckig. Und so schön unfertig. Überall Graffiti. So richtig schön pseudo-anti. Ich liebe Berlin, weil es drei Opernhäuser hat, die alle unterfinanziert sind, in denen aber auf Weltniveau gespielt wird. Nicht wie in Sydney. In Berlin dürfte niemals das Musikantenstadl in der Oper spielen. Oder ein drittklassiges Musical. In Berlin klingt es auch nicht, als würde ein alter Kassettenrekorder in der Mitte der Bühne stehen. Was nützt das schönste Opernhaus der Welt, wenn die Akustik schlechter ist als die der Eggesiner Schul-Aula? Berlin hat den schönsten Fernsehturm der Welt. Und die schönste aller Philharmonien. Und mit großem Abstand das Beste aller öffentlichen Verkehrsnetze überhaupt. Jeder kennt Berlin, sogar alle Australier. Berlin hat die besten und meisten Galerien der Welt. Ich liebe die Plattenbauten und Gründerzeitquartiere. Alles hübsch durcheinander. Alles hübsch bunt angemalt. In Schlüpferfarben. Berlin ist eine Weltstadt. Wirklich. Das weiß ich jetzt. Ein hässliche. Eine dreckige. Und vor allem eine unfreundliche. Ich hasse Berlin. Und ich liebe es. Und ich vermisse Berlin. Wirklich. Auch das weiß ich jetzt. Berlin liegt auch nicht am Arsch. Nicht mindestens 6.000 Kilometer weit von allem entfernt. Nein, Berlin ist nicht wie Sydney. Die Berliner wissen gar nicht wie schön sie es haben. Wie sehr sie mitten in Europa leben. Und wie schön das ist, mittendrin zu sein. Wenn man davon die Schnauze voll hat, muss man nicht drei Stunden mit dem Auto durch ein endloses Konglomerat aus ewig gleichen Einfamilienhäusern gurken, bis man den ersten Baum sieht. In Berlin muss man nur zwanzig Minuten mit der S-Bahn zuckeln. Fast immer pünktlich. Und schon ist man an Arsch der Welt. Da, wo es schön ist, am Arsch der Welt zu sein. Zum Beispiel am Müggelsee. Oder im Finowtal.

Sydney ist schöner als Berlin. Viel schöner. So schön wird Berlin niemals sein. Mit seinen schmuddeligen Ecken und den Horden bereits vormittags Sternburg trinkender Proleten. Export, das gute. Klar. Berlin hat die Busche, die ich furchtbar finde. Aber das macht nichts, denn Berlin hat auch andere Clubs. Sehr gute. Und sehr viele davon. Sydney hat auch eine Busche. Und noch eine. Und noch eine. Und noch fünf weitere Buschen. Bestenfalls. Das war's dann auch schon. Von all den anderen Desastern, die man in Sydney „Nachtleben“ und „Kultur“ nennt, fange ich gar nicht erst an.

Berlin, und ja, ich finde Berlin richtig scheiße, Berlin ist eine Metropole. Eine Möchtegern-Metropole. Wie eine abgehalfterte alte Diva, die sich für jung und schön hält. Ein ewiger Loser. Und doch viel besser als London. Oder Paris. Und viel besser als Sydney. Bis auf das Wetter. Und die schönen Parks. Und die traumhaften Strände. Und all die anderen Neidpotenzialen, die in Sydney viel besser sind als in Berlin.

Aber eines ist Berlin nicht: Eine Kuhbläke mit Wolkenkratzern. Dafür liebe ich Dich, Berlin. Meine hassgeliebte Traumstadt.

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